Die Kraft der Bilder

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Bilder transportieren Emotionen
Bilder haben die Kraft, Emotionen auszulösen, Erinnerungen wachzurufen, Informationen und Werte zu transportieren. Die Erinnerung vieler Menschen an 9/11 ist ein Bild: das Flugzeug, das in die Twintowers fliegt. Vietnam-Krieg oder Abu Ghraib sind Themen, bei denen uns Bilder in den Sinn kommen. Häufig ist es das gleiche Bild. In den letzten Jahrzehnten und vor allem auch mit dem Aufkommen des Internets ist die Macht der Bilder noch grösser geworden. Wir sprechen von einer wahren Bilderflut. Dabei ist aber zu bedenken, dass durch die Presse und die Online-Medien oft exakt die gleichen Bilder verwendet werden. Die Flut ist vielleicht grösser, aber die Varietät an Bildern scheint eher abgenommen zu haben.

Bilder brennen sich in unser Gedächtnis ein. Wenn wir lesen, produzieren wir häufig eine visuelle Vorstellung von den Bildern, von denen der Autor für seinen Text ausging. Die Werbung versucht sich diese Kraft zunutze zu machen und bombardiert uns mit Bildern, an die wir uns erinnern. Sie sollen uns natürlich mit einem bestimmten Produkt verbinden.
Wir versuchen, zu visualisieren, was wir als Text lesen. Der Text ist dabei bereits eine Analyse und eine Abstraktion von dem ursprünglichen Bild. Wir rekonstruieren das Bild in der Rezeption quasi in unserem Kopf, das der Autor in seinem Text beschreibt. Die Worte analysieren gleichzeitig das Bild, zerlegen es in Einzelteile und verknüpfen diese miteinander.
Wir leben mit Bildern, stellen welche her, malen, zeichnen, fotografieren, publizieren sie im Internet. Im Gegensatz zu früher können heute alle ihre Bilder im Netz veröffentlichen. Früher war die Produktion von Bildern vergleichsweise aufwändig, ein Bild herzustellen. Für ein Porträt, das sich in der Regel nur die Adeligen leisten konnten musste man stunden-, tage-, wochenlang Modell sitzen, so lange arbeitete der Maler daran. So gab es denn auch nur wenige Porträts von einem König oder von einer Königin im Laufe seines Lebens. Gewöhnliche Leute wurden nicht porträtiert, es sei denn, der Maler hatte ein besonderes Interesse daran.
Die Religionen haben ein besonderes Interesse an Bildern. Sei es, dass sie ihre Götter darstellen, oder im Gegenteil die Verbildlichung der Gottheit verbieten. So kennen z. B. die monotheistischen Religionen des Judentums und des Islams ein Bilderverbot. Das Christentum kennt ein solches nur in der Ausprägung des Calvinismus. Der Hinduismus hingegen stellt seine Götter menschenähnlich dar zum Teil mit tierischen Attributen ausgestattet, wie es auch die altagyptische Religion tat. In der europäischen Antike wurden die Götter und Halbgötter ebenfalls menschenähnlich dargestellt, versehen mit superheldenhaften Sonderkräften.
Die Macht der Bilder drückt sich auch in der Sprache aus. Wenn jemand etwas «mit eigenen Augen gesehen» hat, dann ist es besonders glaubwürdig. Bilder scheinen also verlässlich zu sein.

Vom Selbstporträt zum Selfie
Das Selbstbild ist ein weiteres Konzept, welches in Lernumgebungen zum Zuge kommt. Meistens muss man ein Profil erstellen, das auch ein Foto beinahltet. Das macht natürlich Sinn, denn auch virtuelle Netzwerke sind reale Netzwerke, in denen echte Kommuniktaion stattfindet. So ist es essentiell, dass man ein Gesicht hinter einem Namen sieht, um sich auch an die Personen zu erinnern, die man am Präsenztag getroffen hatte.
Das Selfie ist auch eine Form der Selbstdarstellung geworden, in welches viel Zeit und Energie gesteckt wird. Es gibt bereits zahllose Apps, die es erlauben, dass man die eigenen Züge optimiert: Falten glättet, Haarfarbe ändert, oder die Stimmung  im Bild mit Fotofiltern und damit auch die Aussage des Bildes verändert. Es entsteht eine regelrechte Selfie-Kultur.

Bilder helfen, sich zu orientieren
Deshalb sind Bilder in der heutigen Medienlandschaft und demzufolge auch in elektronischen Lernumgebungen nicht wegzudenken. Gleichzeitig ist es immens wichtig, sich gut zu überlegen, wie man Bilder einsetzt und was sie bewirken. In elektronischen Lernumgebungen sind sie essentiel. Es gibt nichts trostloseres als Textwüsten, in denen sich unser Gehirn zudem noch schlecht zurechtfindet, wenn es sich überhaupt orientieren kann. Nicht vergebens setzen die alten Mnemotechniker Bilder (und Geschichten) ein, um sich längere Texte erfolgreich merken zu können.

Auch Metaphern sind Bilder
Wenn wir uns kein konkretes Bild von etwas machen können, dann suchen wir den Vergleich, die Metapher. Auch dies ist eine gute Mnemotechnik, sich einen Sachverhalt mit einem bildhaften Vergleich zu merken. Die Metapher, die bildhafte Analogie, hilft, sich eine Vorstellung von etwas zu machen. Sie streicht aber auch die typischen Merkmale der Analogie heraus, und verdeckt damit vielleicht Aspekte, die im Gebrauch dann in den Hintergrund treten. Metaphern können dann eine Wahrnehmung so prägen, dass es schwierig wird, neue Aspekte überhaupt zu sehen. Ein Beispiel: das virtuelle Klassenzimmer. Dieses beschreibt einen digitalen, nicht-materiellen Raum, in dem sich eine definierte Lerngruppe, meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit bewegt. Der Begriff Klassenzimmer ruft eine ganz bestimmt Art Raum in unserer Vorstellung hervor, in der traditionell gelernt und gelehrt wird.  Die Klasse ist die meist für mehrere Jahre fixe Gruppe von Lernenden, die mit einer oder mehreren bestimmten Lehrpersonen eine Lerngruppe bildet.  So prägt nun dieser Begriff quasi aus der Vergangenheit heraus einen Raum, und lässt gleichzeitig keine weitere Vorstellung davon zu. Das virtuelle Klassenzimmer kann in dieser Vorstellung nicht auch ein offener Raum sein, in dem sich dynamisch immer wieder neue Gruppen finden, man sich je nach Interesse einem neuen Thema zuwenden kann, es sei denn, die Lehrperson sähe dies für ihre Lernarrangements vor.  Hier besetzt also die alte Metapher den neuen Raum und nimmt ihm gleich die Möglichkeit, dass er neu gedacht wird.
Zu diesem Thema gibt es bereits einige wissenschaftliche Arbeiten, unter anderem auch einen einführenden Artikel von Mandy Rohs im GMW-Reader «Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken», (S. 68 – 78;  Hg. K. Rummler, GMW 2014 (Waxmann und PH Zürich).